Wider das Spaßbadgeplansche!

von MDR-Kultur Redakteur Stefan Petraschewsky

In den 90er Jahren waren alte Freibäder hierzulande nichts mehr wert. Sogenannte Spaßbäder kamen in Mode mit kilometerlangen Rutschen und Wellness-Düsen auf Sprudel-Liegen. Den wirklichen Spaß hatten am Ende wohl nur die Firmen, die das alles geplant und für viel Geld gebaut haben. Für den Badbesucher heute heißt es nämlich: hohe Eintrittspreise bei gechlortem Wasser;

ständiges Geschrei und Hygiene-Notstand – weil überall, wo man hinguckt oder besser weggucken will, Männer mit Bade- über Unterhose bzw. umgekehrt herumstehen, wer weiß das noch? – Das es auch anders geht, zeigt das Beispiel Wehrsdorf:

Weiß gestrichen stehen sie da: die Umkleidekabinen mit rotem Ständerwerk und schwarzer Beschriftung – die Zahlen „1“ – „25“ bei den Einzelkabinen; dazu die Gruppenumkleiden für „Frauen“ und „Männer“.

Alles sei mit Denkmalgerechter Farbe gestrichen, bemerkt Joachim Geißler, der langjährige Vorsitzende des Wehrsdorfer Waldbadvereins, der sich die Erhaltung des Kulturdenkmals auf die Fahnen geschrieben hat, und fügt - durchaus mit Stolz – hinzu: „Die Kabinen, so wie wir sie jetzt restauriert haben, und auch das Kassenhäusel sind noch original!“ Ebenfalls erhalten ist auch die riesige Liegewiese mit altem Laubbaumbestand sowie das Wasserbecken, dessen olympische Größe von 50 x 25 Metern mit Granitstein eingefasst ist. Verbaut sind sogenannte „Bossensteine“, also Mauersteine mit einer rauen, bauchigen Oberfläche, wie man sie üblicherweise am Fuße von Prachtbauten der Gründerzeit bestaunen kann. Die Steine stammen hier vom Steinbruch um die Ecke: Oberlausitzer Granit – Wehrsdorf habe eine lange Tradition als Ort der Steinmetze, erklärt Geißler. Jedenfalls seien es diese drei Dinge: das Bossensteinbecken, die Parkähnliche Liegewiese und die Funktionsgebäude, die den Grund für das Kulturdenkmal darstellen. Nur noch selten fände man eine Freibadanlage so original und schön erhalten. Die Nachfrage im Sächsischen Landesamt für Denkmalpflege bestätigt das.

Und dann noch das Wasser. „Wir haben zur Grenze nach Tschechien hoch mehrere Brunnen. Und aus diesen Brunnen wird das Bad gespeist“, sagt Geißler, und seine Augen gehen den Hang hoch in den Wald hinein: „Es ist also teilweise Quell- und teilweise Oberflächenwasser. Aber es ist natürliches Wasser, kein Leitungswasser.“ Das Wasser kommt also aus dem Wald und läuft dann noch durch kleinere Filter- und Aufwärmbecken bevor es ins Schwimmbecken fließt – wobei das Aufwärmen hier relativ gemeint ist. Um die 20 Grad ist das Wasser im Becken warm – oder besser kalt – was andererseits gewährleistet, dass wenig Chlor zugesetzt werden muss. Beim Schwimmen und Tauchen ist es nicht zu merken. Übrigens heißt der Bach hier auch richtigerweise „Kaltbach“. Er ist einer der ersten Zuflüsse der Spree, die hier im Lausitzer Bergland entspringt. Was in Berlin später nicht wirklich klug ist – der Sprung ins Wasser – hier im Quellgebiet kann man das Baden im Fluss quasi unproblematisch nachholen. Und die Temperatur ist umso angenehmer, je mehr die Temperatur die 30 Grad Marke übersteigt.

Das hat sich offenkundig herumgesprochen. 15.000 Besucher sind es pro Saison, von Juni bis Ende August. 2001, zur Gründung des Waldbadvereins, als die ganze Anlage ziemlich marode war, waren es um die 3.000. Geißler resümiert: „Wir haben jetzt ein Publikum gewonnen, das Kultur und die alte Substanz hier schätzt. Die Besucher schätzen auch die Ruhe hier. Bei uns wird auch kein Radio gespielt. Und auch der sportlichen Wert, die 50-Meter-Schwimmbahn, ist viel wert.“

Leise ist es wirklich hier. So leise, dass man die Vögel in den Bäumen zwitschern hört. Im Kiosk gibt es Soljanka von „Oma Inge“. Und für Raucher gibt es mobile Aschenbecher in himmelblau, die an Friedhofsvasen erinnern.

Seit 1924 wird versucht in Wehrsdorf ein Waldbad zu bauen, erzählt Joachim Geißler, der den Vereinsvorsitzender jüngst abgegeben hat, aber immer noch am besten Bescheid weiß und verschiedene Unterlagen zur Entstehungsgeschichte dabei hat. Nachzulesen ist dort etwa, dass zur Finanzierung des Bades 1928 „Die Spanische Fliege“, ein damals populäres Lustspiel, „von hiesigen Kräften“ aufgeführt wurde. Es sei „ein großer Erfolg“ gewesen, an den man später mit einem Skatturnier anknüpfen wollte. - Interessant ist es auch nachzulesen, dass zur Badfinanzierung bereits 1930 Geld für „Notstandsarbeit“ beantragt werden sollte – üblicherweise ist es ja so: wenn Opa vom Krieg erzählt, setzt die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit erst mit Hitlers Autobahnbau ein. Der Blick in die Wehrsdorfer Freibadgeschichte zeigt ein also anderes Bild.

Nach dem Krieg wurde das Waldbad Wehrsdorf weiterbetrieben. Reparaturen wurden so gut es ging ausgeführt. Und es ging bis nach der Wende. Die steigenden Kosten für die Arbeit drehten die Sache schließlich um. Material zur Sanierung war jetzt da, aber die die Lohnkosten waren nicht mehr zu stemmen. Zur nächsten Wende, der Jahrtausendwende, sollte das Bad endgültig geschlossen werden. Hygienische Mängel, ein undichtes Becken – der Abriss stand auf der Tagesordnung der Gemeindeversammlung. Durch vielstimmigen Einwohnerprotest wurde die Sache vertagt. Der Bürgermeister erkannte die Herzensangelegenheit und schlug die Gründung eines Vereins vor. 2001 wurde er gegründet. Seitdem läuft ganz viel Ehrenamtlich. Arbeitseinsätze am Wochenende und so. 2003 gelang es dann, das Bad als Kulturdenkmal aufzuwerten.

Beim Schwimmen im Bad am Hang oberhalb des Ortes blickt man als Besucher auf bewaldete Hügel und Wiesen rings herum: ein Idyll. Am 21. August gibt es zum Abschluss der Saison das „Badfest“ mit Blasmusik und selbstgemachten Kuchenbuffet. Und im nächsten Jahr, 2017, feiert das Waldbad Wehrsdorf übrigens seinen 80. Geburtstag.

http://www.waldbad-wehrsdorf.de